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Inhalt

Initiativen zur praktischen Umsetzung der Behindertenrechtskonvention

Ein Bericht aus Wetter an der Ruhr
von Dr. Frank Herrath
volmarstein – die evangelische Stiftung

(Folien zu diesem Vortrag als nicht barrierefreies PDF)

Beitrag beim 4. Symposium der agentur barrierefrei NRW im Rahmen der Rehacare am 7.10.2010 in Düsseldorf

Im Folgenden steht zu berichten, welche Initiativen es gab, mit dem Rückenwind der Konventionsratifizierung die Lebenslage von Menschen mit Beeinträchtigungen zu verbessern, sozusagen als „Bericht aus der Provinz“ steht; angesichts von 13.000 deutschen Gemeinden sicherlich nicht nur ein charmanter Einblick in das unfertige Kleine, sondern auch ein notwendiger.

Zuerst kurz zur Orientierung:

Wetter hat 25.000 Einwohner, liegt im südöstlichen Ruhrgebiet in der Nähe von Witten, Hagen und Dortmund.
Die Evangelische Stiftung liegt in dem Wetteraner Stadtteil Volmarstein. Sie ist eine große, eine alte, eine diakonische Komplexeinrichtung, 1904 als erstes so genanntes „Krüppelheim“ Westfalens gegründet.
Mit 2.500 Mitarbeitenden gehört sie zu den größten Arbeitgebern der Region und betreut rund 3.000 Menschen in den Handlungsbereichen Behinderten-, Alten- und Krankenhilfe.
Zur Stiftung gehören eine große Orthopädische Klinik, ein Allgemeinkrankenhaus in Hagen, mehrere Wohn- und Pflegeheime, eins davon in Mecklenburg-Vorpommern, eine Förderschule, ein Berufsbildungswerk, ein Berufskolleg, eine Werkstatt für behinderte Menschen, ein Rechenzentrum, ein Dorfcafe, ambulante, teilstationäre, Kurzzeit-Pflege- und Betreuungsdienste in der Region, unter anderem in Gevelsberg, Witten, Schwelm und Hagen. Und es gehört das Forschungsinstitut Technologie und Behinderung zur ESV.

Die Stiftung ist ein bedeutender Teil von Wetter und ein bedeutender Akteur in der Gestaltung kommunaler Politik.
Deshalb ist ein Bericht aus Wetter über praktische Umsetzungsanfänge der Behindertenrechtskonvention notwendig auch ein Bericht aus der Stiftung.

Im März 2010, also vor 7 Monaten, fand eine von der Stiftung organisierte und durchgeführte Veranstaltung zum Thema „Die Behindertenrechtskonvention in Wetter umsetzen!“ statt, gedacht als öffentlicher, mobilisierender Prozessauftakt.
Es war eine gelungene Zusammenkunft von über 400 Menschen mit und ohne Behinderung, mit 10 Gesprächsforen und einem Beschluss: Einen Runden Tisch zur Gestaltung der menschengerechten Stadt Wetter einzurichten. Diese Dokumentation ist als pdf-Dokument auf der Stiftungswebsite www.esv.de über den Button „UN-behindert“ zu bekommen.
Die Behindertenkonvention in Wetter umsetzen! Dokumentation zur Veranstaltung: ich bin wie du

1. Ein Prozess beginnt: Wie kam es zur Auftaktveranstaltung im März 2010?

Im Frühjahr 2009, in der Nähe des Datums der Gesetzwerdung der Konvention in der BRD, ereignete sich eine erste massive Wahrnehmung und Diskussion der Behindertenrechtskonvention im Vorstandskontext der Stiftung; also gremiumsinstitutionell – mit der recht schnellen Entscheidung, sich dem Thema als Gesamteinrichtung aktiv, initiativ und im Kanon der diversen Aufgaben einer diakonischen Behindertenhilfeeinrichtung prominent zuzuwenden. Organisiert zudem.

Foto der Teilnehmer an der Auftaktveranstaltung der Tagung: ich bin wie du

Die Stiftung erklärt daher in ihrem kürzlich renovierten Leitbild im ersten von fünf Leitsätzen:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist nicht von Kriterien irgendeiner Art oder eines Maßes von Leistung, Fähigkeit, Alter, Status, Geschlecht, Behinderung, Hautfarbe oder Religion abhängig, sondern sie ist dem Menschen voraussetzungslos zugesprochen.
Weil die Würde immer wieder bedroht ist, muss sie geschützt und gestaltet werden.
Die Achtung der Menschenwürde verpflichtet uns, die Lebensqualität und die Freiheit jedes einzelnen Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen.
Wir setzen uns offensiv für die Rechte der Menschen mit Behinderungen ein, wie sie in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen festgehalten sind.
Ihre volle Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft ist uns ein wichtiges Anliegen.“

Teilnehmer der Tagung: ich bin wie du. Poster: UN-behindert und das Leben gewinnt. Volmarstein, die evangelische Stiftung

Zuvörderst war für Informationen über Inhalte, Bedeutung und Konsequenzen der Konvention zu sorgen – übrigens eine stiftungsweit auch heute längst nicht erledigte Aufgabe – sofort verbunden mit dem Auftrag, den real existierenden Hilfealltag zu prüfen.
Das geschah so:

  • Information aller Leitungskräfte durch einen Experten – den Professor für Heilpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Bochum Jens Clausen – und erste Workshop-Diskussionen zur Bedeutung der Konvention für die Handlungsbereiche der Stiftung mittels eines Fachtags.
  • Initiierung der Bekanntmachung der Konvention und ihrer Bedeutung in allen Handlungsbereichen durch Teambesprechungen, Aktuelle Stunden, Bereichsleitungstreffen u.a.m.
  • Parallel Konsulation mit dem Forschungsinstitut Technologie und Behinderung und der agentur barrierefrei zur Einschätzung bisherigen inklusiven Wirkens in der Stiftung und in der Region und den Aufgaben der Zukunft.
  • Einrichtung einer Prozesssteuerungsgruppe für die Gesamtstiftung, um den Prozess hierarchieunabhängig zu stützen.
  • Währenddessen immerwährend:
    Zur Verfügung Stellung von Zeit, Raum und Auseinandersetzungszumutungen für die Stiftungsmitarbeitenden, um das Gesamtthema und ihre Aspekte wahrnehmen, annehmen und erörtern zu können – mit der Ausrichtung auf Praxisnutzen und Alltagsgestaltung.
  • Und, um den Prozess nicht gleich zu Beginn zur Karikatur zu machen, war für die Information der zu betreuenden „Menschen in der ESV“ zu sorgen: Die Konvention in leichter Sprache wurde verbreitet, das Thema in die diversen Beiräte eingegeben.

Teilnehmer der Tagung: ich bin wie du

Das alles ging und geht nicht schnell.
Schnell wäre drüberweg und an den Menschen vorbei.
Deutlicher noch: Der Prozess ist ein langsamer, wenn er nachhaltig sein soll.

Und es geht nicht ohne diverse Begegnungen von Menschen – möglichst nicht institutionell abgesondert, am besten gesamtgesellschaftlich platziert, politisch unterstützt.
So ergab sich im Spätsommer 2010 die Idee einer öffentlichen Auftaktveranstaltung mitten in der Stadt, deren Vorbereitung selbst schon Prozessgestaltung war:
Die 10 Themenforen wurden durch Mitarbeitende der Stiftung in Kooperation mit anderen Themenaktiven aus der Stadt und der Region aufgestellt, veranstaltet und auf Verabredungen zu themenbezogenen Zukunftsaktivitäten zugespitzt.

Grußworte von Heiner Bielefeld

Der Bürgermeister und die Stadtspitze waren nie defensiv, argwöhnisch und auf die ökonomischen Bedingungen kommunalen Handelns verweisend relativierend dabei, sondern offen und förderlich – das ist sicherlich auch ein bißchen Glück und personenabhängig.
Gemeinsam mit der Stiftung, dem Behindertenbeauftragten und dem Behindertenbeirat hat der Bürgermeister zu schon erwähntem Runden Tisch eingeladen.

Es war ein guter, inhaltsreicher Start:

  • Der Veranstaltungstitel stammt von einer Auszubildenden der ESV.
    „ichbinwiedu“ – nämlich so eigenartig und anders wie du.
    Man kann diese Aussage kritisch diskutieren; das ist auch geschehen.
    Es hat dem Thema genutzt.
  • Heiner Bielefeldt hat die Haupttagungsrede gehalten – erhellend, mobilisierend, ruhig und klar.
  • Die Tagungsteilnahme war für alle kostenfrei, auf Grund der Kostenübernahme durch die Stiftung also barrierearm. Zudem war die Tagung in der Detailgestaltung durch die verschiedenen Servicebereiche ein gelungenes Beispiel vom Zusammenwirken von mehr, weniger oder vielleicht nicht gehandicapten Menschen: Einladung, Bau der Bühnenrampe, Tagungsbüro, Verpflegung, schließlich auch Dokumentation – eine Gesamtleistung der Menschen in der ESV.
    Die Stimmung war gut; die Menschen haben sich umeinander gekümmert, haben sich zugehört, konnten einfache Fragen stellen, Initiative entwickeln.
    Zudem schien die Sonne – es war alles recht inklusiv.

2. Nach der Auftaktveranstaltung...

Tatsächlich hat die Märzveranstaltung Folgen gehabt.

An einem ersten Treffen des Runden Tischs nahmen 76 Personen teil aus den diversen Bereichen der Wetteraner Gesellschaft.
Ziele und Inhalte des Runden Tischs und Wünsche an diese Aktionsform wurden gesammelt, eine Vorbereitungsgruppe wurde gegründet, als erstes Verhandlungsthema „Barrierefreiheit“ gewählt.

Konkretisiert wird dieses Thema u.a. beispielhaft so:

  • 1. Beispiel:
    Es soll eine hochschulassistierte Befragung behinderter Menschen geben:
    „Wo erlebe ich eine Behinderung konkret im Alltag?“
    Aus der Recherche heraus sollen je angemessene Barriereabbauaktivitäten gefolgert und in Gang gesetzt werden.
  • 2. Beispiel:
    Eine „Open street map“ für Wetter und die Region soll barrierebenennend und barriereabbauend entwickelt werden.
  • 3. Beispiel: Medien in leichter Sprache sollen Kommunikation barriereärmer machen
    – in den Hoheitsbereichen der Stadt, der Stiftung, der Tageszeitungen – kooperativ, projektartig und signalgebend.
  • 4. Beispiel:
    Um die Bildung gesellschaftlichen Bewusstseins nicht nur zu reklamieren,
    soll ein populäres Buch oder eine Filmserie entstehen von Menschengeschichten. Geschichten behinderten Lebens sollen es sein, in der Vielfalt und der Farbigkeit gelebten Lebens.
    In der Zwischenzeit haben vielversprechende Kooperationsgespräche mit dem regionalen Heimatfernsehsender „Center TV“ begonnen, um dauerhaft inklusionsorientiertes Fernsehen mit entsprechenden Formaten, Methoden und Inhalten zu kreieren.
  • 5. Beispiel:
    Der Runde Tisch wird sich dem Thema des Barriereabbaus für ältere Menschen widmen, ohne schnellen Aktionismus – eine Themenvornahme in aller Breite.

Soweit zu einigen Wetteraner Entwicklungen.

Poster: UNbehindert und das Leben gewinnt. Volmarstein, die evangelische Stiftung

Im Hintergrund dieser und anderer Initiativen beraten Stadt und Stiftung demnächst, wie das große Leitziel „Menschengerechte Stadt Wetter“ als Querschnittsaufgabe der Stadtentwicklung konkretisiert werden könnte und welche Mainstreamangebote inklusive Kommunalpolitik entwickeln sollte.

Dieser Prozess wird Aufmerksamkeit verlangen, langen Atem und Naivitätsarmut.
Denn die so schön konzeptionierte „Kooperative Demokratie“ braucht Übung.

Auch in der Stiftung hat sich Einiges weiterentwickelt seit März.
Sechs Spots:

  • Diskussion und Information zur Behindertenrechtskonvention gehen weiter.
    Neben der Dokumentation als Startschwungunterstützung entwickelt sich die UNbehindert-Info- und Austauschplattform der ESV-Website.
    Bildschirmfoto der ESV-Internetseite
    Für 2011 sind 6 Bildungsveranstaltungen für ESV-Mitarbeitende zu großen Detailthemen der Behindertenrechtskonvention geplant.
    Im Frühjahr 2011 veröffentlicht der Vorstand einen „Volmarsteiner Standpunkt“ zu den Aufgaben der Umsetzung der Konvention, nicht ehern deklamierend, sondern prozessbefördernd und mittelfristig bewegend. So ist der Plan
  • Zu Anfang 2011 beginnt eine mehrteilige Qualifizierung für Fachkräfte der Behindertenhilfe, um Erwachsenenbildung für Menschen mit Behinderung gemäß dem Hamburger Modell realisieren zu können.
    Parallel dazu wird das Referat Fort- und Weiterbildung der ESV gemeinsam mit der ESV und anderen Trägern der Behindertenhilfe in der Region mit Hochschulhilfe den Bedarf erheben und in der Folge in Projektform ein regionales Erwachsenbildungsangebot aufstellen. Eine stiftungsinterne Fachgruppe arbeitet schon intensiv an der Realisierung dieses Vorhabens.
  • Unter dem Signet „Un?bekannt!“ bieten die Wirtschaftsjunioren des Ennepe-Ruhr-Kreises in Kooperation mit der Stiftung Unternehmen konkrete Beratung mit dem Ziel der Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt – passgenau, als win-win-Situation, im Geiste der Konvention. Die Wirtschaftjunioren haben die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention zu ihrem Jahresthema gewählt.
  • Mit dem 2010 publizierten Buch „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe – Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967“ hat die Stiftung im Ergebnis eines beauftragten Forschungsprojektes einen intensiven Prozess geschichtlicher Aufarbeitung gewalttätiger Behindertenhilfe zu einem guten Zwischenergebnis geführt.
    Aus der Geschichte lernend steht jetzt an, pädagogische Konzepte gerade in der betreuenden Begleitung von Kindern und Jugendlichen, aber auch die humanen Begleitungsgrundlagen von zu betreuenden Erwachsenen im Lichte der Menschenrechte zu prüfen und alltagswirksame Sicherungen zu setzen, damit sich Gewalttätigkeit und Missachtung in Einrichtungen der Behinderten- und Altenhilfe wie in der Pflege nicht mehr systematisch und alltagsdauerhaft ereignen.
    Buch: Gewalt in der Körperbehindertenhilfe – Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967
  • Die ESV hat ein sexualpädagogisches Konzept und sexualpädagogisch intensiv qualifizierte Fachkräfte. Angeregt durch das Diskussionsforum der Märzveranstaltung zum Thema „Menschengerechte Sexualitätsbegleitung“ ist eine Arbeitsgruppe vom Stiftungsvorstand beauftragt worden, die Qualifizierung der Sexualitätsbegleitung in allen Handlungsbereichen der Stiftung voranzubringen und eine Handlungsorientierung bei sexuellen Grenzüberschreitungen zu erarbeiten.
  • Und: Die Stiftung hat das Forschungsinstitut Technologie und Behinderung.
    Das ist sehr gut. Keinesfalls aber bedeutet das, dass zum Thema Barrierefreiheit stiftungsintern nichts mehr zu tun wäre. Die Publikationen der ESV sind nicht in leichter Sprache geschrieben. Z.B. Und auch sonst braucht es eine interne Prüfung, welche Barrieren die Menschen in der ESV behindern. Das wird nun getan – höchstwahrscheinlich weit weniger intensiv und nachdrücklich ohne die Behindertenrechtskonvention.

3. Bemerkenswertes

Was kann aus dem Prozess der Umsetzung der BRK in Wetter an der Ruhr und in der ESV gelernt werden über die Aufgabe, die Behindertenrechtskonvention alltagswirklich werden zu lassen?

Runder Tisch in Wetter zur Behindertenrechtskonvention

  • „Nichts über uns ohne uns“: Die langzeitige Aufgabe der Bemündigung und der Rückbildung von Fremdbestimmungseffekten ist eine große. Die Expertise zu übergeben an die Menschen, um die es geht, ist eine fundamentale Pflicht der in der Behindertenhilfe Engagierten. Und zwar nicht pro forma durch die Einrichtung eines Rates, der dann sanft ignoriert oder unauffällig-geschickt manipuliert wird.
    Wer lebenslang fremdbestimmt gelebt hat, wagt manchmal nicht, selbst zu bestimmen, traut es sich oft nicht zu und spürt, dass die Betreuungsexperten es eigentlich doch lieber besser wissen. Nicht drei behinderte, schon immer Superaktive lösen „Nichts über uns ohne uns“ ein, sondern das langwierige und langsame, mühsame und Selbstreflexion erfordernde Sichern der Bedingungen für Selbstbestimmung für die Vielen, für die Zurückhaltenden, für diejenigen, die lebenslang tiefgehend fremdbestimmt sozialisiert wurden.
  • Um den Umsetzungsprozess gelingen zu lassen, gerade kommunal, braucht es langen Atem, ein Denken und Planen auf eine Strecke von 10, 15 Jahren – einerseits. Das geht nicht ohne baldige Verbesserungen, Ad hoc-Initiativen mit relativ schnellen Ergebnissen – andererseits.
  • Es braucht eine Mischung aus Planung, strategischem, politischen Vorgehen und dem Blumen blühen lassen, der Schaffung von Kreations- und Gedeihräumen, wo Überraschendes geschehen kann.
  • Wir dürfen mit unserer Prozessentwicklungseuphorie und der Wucht der Menschenrechtsargumentation die KollegInnen, die die Arbeit machen, nicht in die Enge treiben. Dass neues Denken, wenn es denn neu ist, ein Gewinn ist, müssen wir beweisen.
    Der Prozess muss ressourcenorientiert gestaltet sein, darf nicht überfordern.
    Er muss ehrlich bleiben und sollte nicht propagandistisch entgleisen: Nicht alles geht mit bloß guter Haltung unter Bedingungen erstickender ökonomischer Zumutungen.
  • Ehrlich sein in der Prozessentwicklung heißt, klar zu sagen: Es wird Mühe sein, umzusetzen, was aufgegeben ist. Es wird nicht ohne Veränderung gehen. Es braucht auch Mut. Was entstehen wird, ist ungesichert.
    Sicher ist, dass keine System- oder Paradigmendebatte, kein Ideologiestreit, kein Etikettenwechsel veränderte Wirklichkeiten schaffen wird – nur individuelles Engagement.

Das sind keine brandneuen Erkenntnisse, doch stimmen sie heute einmal mehr für das jahrzehntelange Bemühen um die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung.
Die Behindertenrechtskonvention hilft uns dabei, im aktuell zu Gestaltenden Menschenrechte zu denken und nicht Behindertenrechte.
Aber es gab und gibt Menschen, die immer schon so fühlten und handelten – und nicht erst seit Konventionserscheinen. Auf sie kann man gut bauen.

Diese Menschen gibt es auch in der Evangelischen Stiftung Volmarstein. Sie sind auf dem Weg.
Die Stiftung wird eine ganz andere werden. Ambulantisierung ist die Perspektive. Alle Sondereinrichtungen werden umgestaltet.
Um das zu schaffen, kann sie auf ihr engagiertes Personal bauen, auf die Kraft ihrer Größe, auf die Stärke ihres stabilen solidarischen Geistes.
Sie muss und wird nicht nur „runter vom Berg“ gehen, sondern ein lebendiges Quartier diversen, sozial empathischen Lebens werden müssen.
Das wird gelingen – mit der Behindertenrechtskonvention als „moralischem Kompass“ und dem Willen der Menschen, miteinander gleich berechtigt leben zu wollen.

Letzte Aktualisierung am 19.10.10